6. Jahrgang. 2017

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Herausgeber Roland Keller

Editorial  

Roland Keller.

Herausgeber

 

 

 

Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker hat in einem Interview mit dem „Spiegel“ davor gewarnt, dass sich die Konflikte in Europa gefährlich zuspitzen könnten.

„Wer glaubt, dass sich die ewige Frage von Krieg und Frieden in Europa nie mehr stellt, könnte sich gewaltig irren.

Die Dämonen sind nicht weg, sie schlafen nur“, sagte Juncker. 

 

Katalonien: alle Zutaten

für den Bürgerkrieg bereit 

 

Bei einer Wahlbeteiligung von 42,34 Prozent von 5’343’358 wahlberechtigten Katalanen stimmten 2’020’144 oder 40% für die Unabhängigkeit. Es waren 2’262’424 Stimmzettel ausgezählt worden. Auf die ausgezählten Stimmzettel entfielen 2’020’144 Ja-Stimmen oder 90,09 Prozent Ja-Stimmen. Das heisst, es handelt sich um 90,09 von 42,34%. Auf diese Stimmbasis bezogen haben 176’565 oder 7,87 Prozent nein gestimmt, abgesehen von 20’129 oder 0,89 Prozent ungültigen Stimmen. Es gibt somit eine absolute Dunkelziffer von über 3 Millionen wahlberechtigten Katalanen, deren Einstellung zur Unabhängigkeit in dieser Wahl nicht zum Ausdruck kam. Inwiefern diese Abstinenz auch in polizeilicher Stringenz oder Gewalttätigkeiten seitens der Mossos d’Esquadra, der seit 1721 bestehenden katalanischen Polizei, zu suchen ist, bedarf sicher einer weiteren Analyse.

Die Ursachen für den Ausbruch des Konfliktes liegen in den extremen sozialpolitischen und kulturellen Spannungen in der spanischen Gesellschaft seit dem Ende der Reconquista 1492, der  sukzessiven Befreiung der spanischen Halbinsel von der über 700-jährigen Besetzung Spaniens durch muselmanische Herrscher. Regionale Autonomiebestrebungen im Baskenland treten zu denen in Katalonien dazu.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts ereigneten sich zahlreiche gewalttätige Konflikte, die bis heute ungelöst blieben. Die schwerwiegenden Eingriffe durch bourbonische Herrscher und das Frankoregime haben sich im katalanischen Selbstverständnis eingegraben.

Das riesige Gefälle zwischen teils feudalen Strukturen in ländlichen Gegenden und der weit fortgeschrittenen Industrialisierung in Zentren wie Barcelona oder Madrid wurde immer unerträglicher.

 

Die Autonomiebestrebungen von Basken und Katalanen, welche von der Zentralregierung genug hatten, die Entfremdung von weiten Teilen der Gesellschaft und die „Guardia Civil“ mit ihrer Rolle als „Staat im Staate“, trugen zum Bürgerkrieg bei.

 

Eine soziale Revolution war unumgänglich.  

Am 4./5. März 1939 putschten in Madrid Teile der republikanischen Armee unter Oberst Segismundo Casado, Mitglied des rechten Flügels der PSOE, unter dem Vorwand,

dass eine kommunistische Machtübernahme bevorstehe, gegen die Regierung des damaligen Premiers Juan Negrín y Lopez von der Spanischen Sozialistischen Arbeiterpartei-PSOE.

Nach Wirren, Chaos und Mangel an staatlicher Kontrolle erklärte Francos den Bürgerkrieg am 1. April 1939 für beendet.

 

Danach folgte eine Periode von Repressionen und politischen Morden. Während der berüchtigten „Maitage“ 1937 töteten hunderte oder tausende republikanische Spanier einander beim Kampf um die Kontrolle strategischer Punkte in Barcelona.

 

[…] Antony Beevor schrieb dazu in „Der Spanische Bürgerkrieg“:

„Das Morden lief auf beiden Seiten nicht in gleicher Weise ab. Während die grausamen Säuberungen von ‚Roten und Atheisten‘ auf dem Gebiet der Nationalisten Jahre lang anhielt, waren die Gewalttaten auf Seiten der Republikaner in der Hauptsache spontane und hastige Reaktionen auf unterdrückte Ängste, verstärkt durch den Wunsch nach Vergeltung für Gräueltaten des Gegners.“ (2)

[…]

Mit der Diktatur, welche alle ihre Rivalen innerhalb der Rechten und Linken eliminierte, bildete Franco ein reaktionäres, militärisches und klerikales Regime.

Der Krieg in Spanien war nie ein Krieg zwischen liberaler Demokratie und Faschismus. (1)

 

10. 10. 2017: Puigdemont setzt Unabhängigkeit aus

 

Als er sagt „Nach den Resultaten des 1. Oktobers hat sich Katalonien den Respekt verdient, ein unabhängiger Staat zu sein“. Darauf folgte im katalanischen Parlament eine Rede mit Politiker-typischen Windungen. Kurz:

Die Unabhängigkeit wurde nach Utopia vertagt.

 

„Katalonien wird die Unabhängigkeit von Spanien vorerst nicht ausrufen“.

Das sagte der Chef der Regionalregierung, Puigdemont, im katalanischen Parlament.

Er setze auf Verhandlungen mit Madrid, um die Krise beizulegen. Das spanische Kabinett setzte eine Dringlichkeitssitzung an.

Puigdemont hatte wohl begriffen:

anlässlich der Abstimmungen haben von 40% nur 90% JA gestimmt.

Aber von 100% der Katalanen haben eben nicht 90% JA gestimmt

Dies ist ein Unterschied!

Der Schaden war angerichtet.

Katalonien 

1714 ergab sich Barcelona den Truppen Philipp V. von Anjou, einem Enkel Ludwigs XIV. In den Folgejahren wurden die katalanischen Institutionen aufgelöst, wodurch die katalanische Selbstverwaltung endete. Zum Gedenken dieses Ereignisses wird heute der 11. September, der Tag der Kapitulation 1714, als katalanischer „Nationalfeiertag“ – Diada Nacional de Catalunya – gefeiert.

 

1931, mit der Zweiten Republik, erhielt Katalonien zunächst provisorische Autonomie. Diese wurde Von 1934 bis 1936 wurde jedoch durch Franco suspendiert. Während des Bürgerkrieges von 1936–1939 war Katalonien, vor allem Barcelona, erster Schauplatz der einzigen geglückten anarchistischen Revolution in der europäischen Geschichte. Unter Franco wurde sogar die katalanische Sprache eingeengt.

 

Mit dem Rückzug General Francos 1975, endete die spanische Diktatur der Faschisten. Ministerpräsident Carlos Arias Navarro, der Grossteil der spanischen Streitkräfte und die paramilitärische Polizeitruppe Guardia Civil wollten die Franco-Diktatur fortführen.

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